Gut ankommen in der Kita

Gut ankommen in der Kita

Familien- und Schlafberaterin Vanessa Cristalli unterstützt sowohl Eltern als auch Fachkräfte für mehr Leichtigkeit, weniger Druck, gegenseitigem Verständnis und starke Beziehungen im Alltag mit Kindern. Sie weiß: Gute Beziehungen sind der Schlüssel, zu Kindern und zu sich selbst. Vanessa begleitet Familien auf ihrem individuellen Weg.

 

Der erste Kita-Tag ist für viele Familien ein Meilenstein – und oft auch eine emotionale Herausforderung. Für Kinder beginnt eine ganz neue Welt, für Eltern der Abschied vom vertrauten Alltag. Familienbegleiterin Vanessa Cristalli erklärt, warum die Eingewöhnung so viel mehr ist als ein organisatorischer Übergang – und was sie für die kindliche Entwicklung bedeutet.

 

Warum ist die Eingewöhnungsphase in der Kita so wichtig? 

Die Eingewöhnung legt die Grundlage für die Betreuung. In der Kita findet bei kleinen Kindern häufig die erste neue Bindungserfahrung außerhalb der Familie statt. Und es ist bei Kindern ähnlich wie bei uns in einem neuen Job: Wir müssen uns erst einmal zurechtfinden und Vertrauen zu Kolleg:innen aufbauen. Ähnlich ist das auch für Kinder, nur deutlich bedeutender. Bei ihnen werden nämlich neue Bindungspersonen eingeführt.

  

Was bedeutet das konkret?

Wenn Kinder aufgebracht sind und ihr ganzes Nervensystem unter Stress steht, brauchen sie die Sicherheit einer Bindungsperson, um sich zu regulieren. Man nennt das Co-Regulation. Zu Hause machen das idealerweise die Eltern. In der Kita muss eine Erzieherin oder ein Erzieher die Rolle einer Bindungsperson einnehmen. Dabei ist aber wichtig: Die Eltern sollen dadurch nicht ersetzt werden. Es kommt vielmehr eine neue Bindungsperson hinzu. 

 

Das klingt nicht so, als würde es schnell gehen, eine neue Bindungsperson einzuführen.

Das ist von Kind zu Kind verschieden. Einige Kinder lassen sich schnell eingewöhnen. Andere brauchen deutlich länger. Auch das Alter des Kindes spielt eine Rolle und die Frage, ob sie das erste Mal in eine Kita kommen oder schon Erfahrungen haben, zum Beispiel mit einer Krippe oder einer Tagesmutter bzw. einem Tagesvater.

  

Wie viel Zeit sollten Eltern denn ungefähr einplanen?

Gängige Eingewöhnungsmodelle sehen 3 bis 4 Wochen vor. Ich würde aber lieber das Doppelte veranschlagen, also 6 bis 8 Wochen. Dann haben die Eltern keinen Zeitdruck. Denn oft startet nach der erfolgreichen Eingewöhnung ja die Arbeit. Also lieber Puffer einplanen.

 

Gibt es außer Zeitdruck noch andere Herausforderungen für Eltern in dieser Zeit?

Auf jeden Fall. Viele Eltern sind während der Eingewöhnung unsicher, welche Rolle sie genau einnehmen sollen. Das ist ganz verständlich, denn es ist für alle Beteiligten eine neue und oft emotionale Situation. In dieser Phase kann es passieren, dass Eltern sich ein Stück weit zurücknehmen – manchmal mehr, als es Ihnen selbst oder dem Kind guttut. Dabei ist es wichtig, dass sie sich weiterhin als aktiven Teil des Prozesses verstehen und ihre eigene Intuition ernst nehmen. Manche Eltern machen sich im Vorfeld viel Druck und haben das Gefühl, sie müssten ihr Kind vorbereiten oder Dinge antrainieren

 

Üben? Was genau meinst du damit?

Mir ging es selbst bei meiner großen Tochter so. Sie war eine absolute Eule und ich dachte mir: So geht das doch in der Kita nicht! Sie muss doch früher schlafen! Ich habe also versucht, das schon vorher zu Hause einzuführen. Aber das war eine Katastrophe, das Kind war nicht müde und es war ein einziger Krampf. Als sie dann tatsächlich in der Kita war, löste sich das dann von ganz allein. Darum sage ich Eltern immer: Macht euch den Druck nicht doppelt! Schlafen, Essen, Stillen – das sind alles Dinge, die sich in der Kita von ganz allein ergeben. Da muss man vorher nichts extra üben, an- oder abgewöhnen. Das funktioniert meist einfach durch die Gruppendynamik. Und wenn es Herausforderungen gibt, kann man konkret darauf reagieren.

 

Also sollte man im Vorfeld als Eltern lieber nichts machen?

Was ich sehr positiv finde: Einige Kitas bieten an, dass die Kinder bereits mal einen Nachmittag zum Schnuppern kommen. Das finde ich eine tolle Gelegenheit, um ganz entspannt schon mal die Räumlichkeiten und die Atmosphäre kennenzulernen. Wenn die Kita so etwas anbietet, sollte man das definitiv wahrnehmen.

  

Gibt es denn ein Eingewöhnungsmodell, das du bevorzugst?

Grundsätzlich glaube ich, dass man sich nicht an ein starres Programm halten sollte. Jedes Kind und jede Eingewöhnung sind individuell und man sollte auch auf die ganz speziellen Bedürfnisse dieses Kindes schauen.

  

Wie wichtig ist bei der Eingewöhnung denn das Verhältnis zwischen Eltern und Fachpersonal? 

Sehr wichtig! Es geht im Wesentlichen um das Beziehungsdreick: Eltern – Kind – Fachkraft. Kinder spüren, wenn die Eltern sich in der Einrichtung nicht wohlfühlen oder mit der Situation unzufrieden sind. Sie können sich aber nur sicher fühlen, wenn ihre Eltern Sicherheit ausstrahlen. Darum ist es wichtig, dass Eltern gegenüber der Fachkraft offen sind. Auch wenn sie Bedenken haben.

 

Das ist manchmal wahrscheinlich gar nicht so leicht.

Das stimmt. Wenn Eltern spüren, dass etwas nicht so läuft, wie ihr Kind oder sie es brauchen, dann sollten sie es aber trotzdem ansprechen. Es nützt nichts, wenn bei der Eingewöhnung die Grenzen des Kindes oder der Eltern übergangen werden. Dabei ist aber wichtig, der Fachkraft keine Vorwürfe zu machen. Besser sind Ich-Botschaften, denn die deeskalieren. Also lieber: „Ich habe Folgendes beobachtet. Was können wir da machen, damit es besser wird?“

 

Das funktioniert aber auch nicht immer, oder? 

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Aber genau auf solche Dinge können Eltern schon bei der Auswahl der Kita achten. Natürlich ist es wichtig, wie das Essen in der Kita ist oder die Einrichtung. Aber Eltern sollten vor allem ein gutes Gefühl haben. Denn die Beziehung zwischen Eltern und Fachkraft ist der Schlüssel. Offenheit sollte möglich sein.

 

Gibt es noch etwas, worauf Eltern achten können?

Ich finde es immer wichtig zu sehen, wie Fachkräfte in Konfliktsituationen reagieren. Was ist, wenn das Kind nicht essen oder schlafen möchte? Nicht in den Garten will oder sich gegen das Anziehen wehrt? Hier ist die Haltung der Fachkräfte wichtig. Wie würden sie in solchen Situationen reagieren? Setzen sie auf so etwas wie eine Auszeit oder andere Bestrafung? Oder können sie den Eltern plausibel erklären, welche anderen Strategien sie in solchen Situationen anwenden? Das sind in meinen Augen entscheidende Haltungsfragen, die Eltern schon früh abklären können.

 

Eine Eingewöhnung ist für kleine Kinder ja eine intensive Phase. Beobachten Eltern dann auch zu Hause ein anderes Verhalten?

Unter Umständen schon. Kinder verarbeiten nachts. Die Nächte können daher deutlich unruhiger sein. Und auch das Einschlafen kann schwieriger sein. Denn das ist eine Trennungssituation. Wenn Kinder am Tag bereits in der Kita eine Trennung erleben, möchten sie sich abends vielleicht nicht mehr von den Eltern lösen. Viele Eltern sind außerdem überrascht davon, wie unterschiedlich das Verhalten zu Hause und in der Kita sein kann.

 

Wieso das?

Oft hören Eltern, dass in der Kita alles perfekt geklappt hat. Aber zu Hause: große Gefühle, vielleicht viel Wut oder ein Zusammenbruch. Das kann alles sein. Wenn mir Eltern so etwas erzählen, sage ich ihnen immer: Herzlichen Glückwunsch – du hast alles richtig gemacht. Denn euer Zuhause ist ein sicherer Hafen für dein Kind. Hier kann es alles rauslassen. Und das ist oft nötig. Denn ein Kita-Tag ist zwar voll mit Spiel, aber für kleine Kinder trotzdem ein richtiger Arbeitstag und sehr anstrengend. Sie müssen viel kooperieren, sich an Regeln halten und sich anpassen. Zu Hause lassen sie dann Dampf ab. Das richtet sich nicht gegen die Eltern.

  

Können Eltern die Eingewöhnung denn zu Hause unterstützen?

Eine Eingewöhnung ist für Kinder ein großer Einschnitt. Ich rate daher immer, in dieser Zeit möglichst viel Stabilität zu gewährleisten und möglichst wenig zu Hause zu verändern. Das lässt sich natürlich nicht immer realisieren, manchmal ist man kurz zuvor umgezogen oder ein Geschwisterchen ist auf dem Weg. Trotzdem tut es Kindern gut, wenn das zu Hause so stabil wie möglich ist. Eltern sollten ihr Kind zu Hause auch beobachten. Stellen sie Wesensveränderungen fest? Möchte das Kind nicht in die Kita? Klagt es oft über Bauchschmerzen? Das alles sollten Eltern ernst nehmen, Gefühle begleiten und auch nachbereiten, wenn über Konflikte in der Kita berichtet wird. Bei sehr kleinen Kindern, die noch nicht wirklich sprechen, ist eine gute Beobachtung besonders wichtig.

  

Wann ist denn eine Eingewöhnung eigentlich abgeschlossen?

Die Eingewöhnung ist abgeschlossen, wenn die neue Bezugsperson ein guter Co-Regulator für das Kind ist. Tränen beim Abgeben dürfen natürlich trotzdem sein. Wichtig ist, dass die Fachkraft das gut begleiten kann. Dass sie vermittelt: Ich sehe und verstehe dich und ich helfe dir. Damit ist keine Ablenkung gemeint, sondern ein wirkliches Begleiten der Gefühle.

 

Gibt es auch Situationen, in denen eine Eingewöhnung scheitert? 

Diese Situationen gibt es. Manchmal will der Funke einfach nicht überspringen. Bei Eltern und beim Kind. Die Eltern haben vielleicht kein gutes Gefühl beim Personal und das Kind fühlt sich nicht sicher. In anderen Fällen scheint eigentlich alles zu passen, aber die Eingewöhnung scheitert trotzdem.

 

Woran kann das dann liegen?

Insbesondere sehr kleine Kinder entwickeln sich rasant. Es kann manchmal sein, dass das Kind gerade so sehr mit seiner eigenen Entwicklung zu tun hat, dass keine Kapazitäten für eine Eingewöhnung da sind. Dann braucht es vor allem seine engsten Bezugspersonen und kann sich nicht trennen.

 

Und dann?

Dann können Eltern es in 2 bis 3 Wochen einfach noch mal versuchen. Vorausgesetzt, die anderen Rahmenbedingungen passen für alle Beteiligten.

 

Was würdest du Eltern raten, die gerade kurz vor einer Eingewöhnung stehen? 

Pauschale Tipps sind natürlich immer schwierig. Was für alle gilt: Lasst es auf euch zukommen und reagiert individuell auf euer Kind bezogen. Findet heraus: Was gibt euch Sicherheit – euch als Eltern, aber auch eurem Kind. Und: Vertraut eurem Bauchgefühl. Denn auch wenn ihr es mit Fachkräften zu tun habt – ihr kennt euer Kind am besten. Wenn ihr kein gutes Gefühl habt, dann sprecht das offen an.

 

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