Viele Kinder lehnen plötzlich Lebensmittel ab, die sie zuvor gern gegessen haben. Für Eltern ist das oft verunsichernd und mit Sorge verbunden. Im Interview sprechen wir mit Ann-Sophie Engel, staatlich anerkannte Erzieherin und Fachkraft für wählerisches Essverhalten, darüber, was hinter Picky Eating steckt, warum diese Phase häufig zwischen dem 2. und 4. Geburtstag auftritt und wie Eltern ihre Kinder beim Essen begleiten können, ohne Druck aufzubauen. Ein Gespräch über Entwicklung, Selbstwirksamkeit, Sinneswahrnehmung und Vertrauen in die Kompetenz des Kindes.
Was bedeutet Picky Eating eigentlich – und was gehört noch zur normalen Entwicklung?
Picky Eating ist die Bezeichnung für wählerisches Essverhalten, insbesondere bei Kindern. 50 bis 75% aller Kinder durchlaufen eine solche Phase, in der sie bestimmte Lebensmittel ablehnen. Es ist wichtig, Picky Eating abzugrenzen von krankhaftem und therapiebedürftigen Essverhalten.
Du sagst, dass die meisten Kinder mal eine Picky-Eating-Phase haben. Wann tritt das in der Regel auf?
Meist beginnt diese Zeit zwischen 2 und 4 Jahren. Die Zeit vor dem 2. Geburtstag ist oft noch eine Übergangsphase von der Beikost zur Familienkost. Das Essverhalten ist in dieser Zeit noch sehr variabel. Vorlieben und Ablehnungen sind entwicklungstypisch und nicht als Picky Eating zu sehen. Wann die Picky-Eating-Phase genau endet, ist übrigens ganz individuell. Bei vielen Kindern verliert sie sich Anfang der Grundschulzeit.
Warum lehnen viele Kinder gerade zwischen 2 und 6 Jahren Lebensmittel ab? Auch solche, die vorher gern gegessen haben?
Mit 2 Jahren entwickeln viele Kinder eine sogenannte Neophobie – die Angst oder Abneigung vor etwas Neuem oder Unbekanntem. Die Autonomiephase spielt hier auch eine wichtige Rolle: Kinder möchten selbst entscheiden. Beim Essen spüren sie eine große Selbstwirksamkeit, denn hier entscheiden nur sie allein, ob sie den Mund aufmachen oder eben nicht.
Welche Rolle spielen Geschmack, Geruch und Konsistenzen dabei?
Eine große! Einige Kinder mögen bestimmte Konsistenzen gar nicht und dafür andere umso mehr. Es gibt zum Beispiel Kinder, die knackige Lebensmittel besonders gern mögen, da darf es im Mund so richtig krachen. Andere mögen eher weiche und breiige Konsistenzen. Auch Farben spielen eine große Rolle.
Viele Kinder lehnen Grünes ab.
Genau, so wie Brokkoli oder Spinat. Das ist evolutionsbedingt, denn grüne Lebensmittel sind potenziell unreif oder giftig und werden daher instinktiv gemieden. Rote Lebensmittel sind dagegen eher reif und süß. Viele Kinder mögen auch beige Lebensmittel, zum Beispiel Nudeln, Kartoffeln oder auch Brot. Diese Lebensmittel haben in aller Regel keinen starken Eigengeschmack.
Schmecken Kinder denn mehr als Erwachsene?
Sogar deutlich mehr! Auch bei Erwachsenen gibt es sogenannte Super-Taster, die viel intensiver schmecken als Non-Taster oder Normal-Taster. Kinder haben mehr Geschmacksnerven als Erwachsene und schmecken Saures und Bitteres intensiver.
Wenn Kinder nur eingeschränkt essen, haben viele Eltern Angst, dass sie nicht genügend Kalorien oder Nährstoffe bekommen? Ist das begründet?
Solange Kinder entlang ihrer Wachstumskurve wachsen und zunehmen, holen sie sich normalerweise, was sie brauchen. Kinder sind da kompetent. Es lohnt sich auch zu schauen: Isst mein Kind wirklich so wenig? Oft essen Kinder zu den Hauptmahlzeiten relativ wenig, snacken sich aber durch den Tag und kommen so auf die Kalorien? Es kann helfen, einen Tag lang alles zu notieren, was das Kind isst, auch alle Snacks. Viele Eltern sind dann überrascht, wie viel ihr Kind tatsächlich zu sich nimmt.
Eltern schätzen das Essverhalten also auch mal falsch ein?
Das ist nicht selten. Ich rate Eltern auch, mal alle Lebensmittel aufzuschreiben, die das Kinder sicher isst. Wenn Kartoffeln als Salzkartoffeln, als Kartoffelbrei und als Pommes gegessen werden, sind das zum Beispiel schon mal 3 Lebensmittel. Wenn zu dieser sicheren Palette mindestens 30 Lebensmittel gehören, müssen sich Eltern normalerweise keine großen Sorgen machen. Bedenklich wird es, wenn das Kind weniger als 20 sichere Lebensmittel hat. Wichtiger als eine genaue Zahl ist jedoch, dass sich die Palette im Laufe der Zeit grundsätzlich erweitert.
Das klingt so, als würde man die 30 Lebensmittel mit Snacks, Obst und Gemüse eigentlich relativ schnell voll bekommen.
Ja, viele Eltern sind überrascht, wie viel das Kind am Ende doch isst. Die Lebensmittel aus der sicheren Palette können Eltern anschließend noch Kategorien zuordnen: Obst, Gemüse, besonders reich an Proteinen, hoher Fettanteil, Kohlenhydrate. Wenn Kinder aus jedem Bereich mindestens ein Lebensmittel essen, besteht meist kein Grund zur Sorge. Wenn Kinder im Laufe der Zeit Lebensmittel aus verschiedenen Bereichen akzeptieren, ist das ein gutes Zeichen, auch wenn nicht täglich alles vertreten ist.
Auch nicht, wenn das Kind sehr zart ist?
Wenn Eltern wirklich große Bedenken haben, empfehle ich immer die Rücksprache mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt. Wenn Eltern ein bisschen mehr Kalorien reinschummeln möchten, können sie beim Kochen mit etwas mehr Öl nehmen, beim Backen vielleicht etwas mehr Butter verwenden oder kleine Mengen Nussmus ins Porridge geben und die Menge schrittweise erhöhen.
Wie können Eltern neue Lebensmittel anbieten, ohne Druck aufzubauen?
Erst einmal können sie sich an der sicheren Lebensmittelpalette orientieren. Fällt dabei etwas auf? Bevorzugt das Kind bestimmte Konsistenzen, Farben oder Formen? Dann liegt es nahe, Lebensmittel anzubieten, die dem ähneln. Neue Lebensmittel sollten Eltern immer in Kombination mit der sicheren Palette anbieten. Auf dem Teller liegen also Lebensmittel, die das Kind gern isst, und dann etwas Neues.
Und das darf sich dann vermutlich auch nicht berühren?
Einigen Kindern macht das tatsächlich nichts aus. Andere Kinder mögen es am liebsten, wenn alles getrennt liegt. Es gibt Teller mit Trennern, die das erleichtern. Oft mögen Kinder im Kita-Alter plötzlich nichts Vermischtes mehr und Eltern wundern sich, warum Nudeln mit Tomatensauce plötzlich out sind. Dann lohnt es sich, beides mal separat anzubieten. Oft werden die Nudeln dann pur gegessen, in die Sauce getunkt oder die Sauce gelöffelt.
Wie oft muss man neue Dinge ungefähr anbieten? Wahrscheinlich brauchen Eltern da viel Geduld, oder?
Oh ja. Ich würde das auch nicht an eine Zahl hängen. Man sollte wirklich sehr geduldig sein. Es ist für Kinder wichtig, dem Lebensmittel häufiger zu begegnen. Und zwar am besten auch nicht nur auf dem Teller, sondern im Supermarkt, im Kühlschrank, bei der Zubereitung und wenn Mama und Papa es essen.
Wie wichtig ist eine Vorbildfunktion?
Sehr wichtig. Kinder lernen am Modell und sie merken schnell: Steht der Brokkoli da nur auf dem Tisch, damit sie davon essen, oder nehmen sich Mama und Papa auch etwas davon? Außerdem ist es wichtig, mal die eigenen Erwartungen zu überprüfen. Oft erwarten wir von unseren Kindern, dass sie sich ausgewogen und sehr gesund ernähren, am besten ohne Lust auf Süßes. Aber erfüllen wir das denn selbst? Wir sollten Vorbilder sein, aber gleichzeitig auch keine Perfektion erwarten – weder von uns noch vom Kind.
Wenn Kinder beim Essen wählerisch werden, entsteht am Esstisch häufig Druck. Wie können Eltern aus dieser Spirale austreten?
Wichtig ist, dass Eltern das Essverhalten nicht kommentieren und die Kinder nicht als „gute“ oder „schlechte“ Esser bezeichnen. Auch Sätze wie „Das habe ich doch extra für dich gekocht“ oder „Das hast du dir doch beim Einkaufen ausgesucht“ üben Druck aus. Der führt meist zu Gegendruck und die Kinder machen am Ende genau das Gegenteil von dem, was die Eltern möchten.
Können Eltern zum Kosten ermuntern?
Auch hier ist die Art und Weise wichtig. Der berühmte Probierlöffel ist nicht empfehlenswert. Kosten sollte nicht erzwungen werden. Auch der Satz „Das schmeckt doch gut!“ ist nicht empfehlenswert. Vielleicht empfindet das Kind das ganz anders und fühlt sich dann von der Bezugsperson betrogen: Das schmeckt doch eklig, obwohl Mama gesagt hat, es schmeckt gut. Im schlimmsten Fall belastet Essen so die Beziehung. Besser: Das Essen auf dem Teller benennen. „Guck mal, das hier sind die Himbeeren, die wir gestern gekauft haben. Hast du Lust, sie mal zu probieren?“
Wie wichtig sind feste Abläufe und Rituale beim Essen?
Rituale signalisieren Sicherheit und sind darum immer von Vorteil. Rituale können das gemeinsame Tischdecken oder ein Tischspruch sein. Es ist auch hilfreich, wenn die Hauptmahlzeiten immer ungefähr zur gleichen Uhrzeit stattfinden. Dann kann sich das natürliche Hungergefühl danach ausrichten. Wenn das Essen am Tisch allerdings bereits sehr belastet ist, können Eltern auch mal aus diesen Routinen ausbrechen.
Wie das?
Dann lohnt es sich manchmal, dieses Setting zu verlassen. Stattdessen kann man mal im Kinderzimmer picknicken oder im Sofa essen. So kann die vorbelastete Situation verlassen werden und alle Beteiligten können die gemeinsame Mahlzeit wieder mit einem guten Erlebnis verknüpfen.
Traditionell wurde der Nachtisch dafür genutzt, Kinder für ihr erfolgreiches Aufessen zu belohnen. Das ist vermutlich nicht empfehlenswert?
Ganz und gar nicht. Ich empfehle Eltern, sich vor dem Essen zu überlegen, ob sie einen Nachtisch geben möchten und, falls ja, welchen Nachtisch es geben soll. Dann sollte das Kind aber auch frei entscheiden dürfen, wann es den Nachtisch isst: vor dem eigentlichen Essen, zwischendurch oder im Anschluss. Diese Entscheidung sollten Eltern nicht bewerten und auch damit leben können, wenn dann nur der Nachtisch gegessen wird. Deshalb ist es wichtig, sich vorher zu überlegen, welchen Nachtisch wir bereitstellen.
Welche Punkte möchtest du Eltern, die gerade mit Picky Eatern strugglen, mit auf den Weg geben?
Zuerst: Picky Eating ist kein Erziehungsfehler. Im Gegenteil: Die Mehrheit der Kinder durchläuft so eine Phase. Dann sollten Eltern den Druck rausnehmen, sich ihrer eigenen Aussagen und Verhaltensweisen bewusst werden und sie auch bewusst ändern, wenn nötig. Und zuletzt: Eltern dürfen auf die Kompetenz ihres Kindes vertrauen. Wenn sich Gewicht und Größe gut entwickeln, holen sich Kinder, was sie brauchen.
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