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Kaum ein Lebensabschnitt ist so von Erwartungen geprägt wie das Elternsein. Von außen prasseln Ratschläge, Studien, Meinungen und Normen auf uns ein. Auf Social Media sieht alles mühelos aus, im echten Leben dagegen oft chaotisch.
Viele Eltern fühlen sich gefangen zwischen Wissen und Bauchgefühl: Sollte ich das anders machen? Reicht das, was ich tue?
Doch Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen echte. Menschen, die sich bemühen, präsent sind und Fehler machen dürfen.
Woher der Wunsch nach Perfektion kommt
Perfektion hat viel mit Kontrolle zu tun. Wer alles richtig machen will, möchte verhindern, dass etwas schiefgeht – besonders, wenn es um das eigene Kind geht. Dieser Impuls ist verständlich: Verantwortung löst Fürsorge aus.
Hinzu kommt der Vergleich: andere Eltern, andere Routinen, scheinbar einfachere Kinder. Der Blick nach außen kann inspirieren, aber auch Druck erzeugen.
Perfektion verspricht Sicherheit, schafft aber oft Distanz. Denn wer ständig plant, bewertet und verbessert, hat weniger Raum, um einfach da zu sein.
Intuition – was sie eigentlich bedeutet
Intuition ist kein Gegensatz zu Wissen. Sie ist die Fähigkeit, Erfahrungen und Beobachtungen unbewusst zusammenzuführen. Sie entsteht, wenn Eltern ihr Kind aufmerksam wahrnehmen und auf Signale reagieren, ohne alles zu analysieren.
Ein Beispiel: Du spürst, dass dein Baby müde ist, obwohl es laut Ratgeber „noch nicht dran“ wäre. Du nimmst es hoch, und es schläft sofort ein. Das ist Intuition – und sie funktioniert, weil du dein Kind kennst.
Intuition wächst mit Erfahrung. Sie entsteht aus Nähe, nicht aus Perfektionismus.
Warum „gut genug“ das Richtige ist
Die Idee der „good enough mother“ stammt vom britischen Kinderpsychiater Donald Winnicott. Er beobachtete, dass Kinder sich am besten entwickeln, wenn Eltern feinfühlig, aber nicht perfekt reagieren.
Ein „gut genuges“ Elternteil erfüllt die Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Zuwendung und Struktur – und darf trotzdem müde, ungeduldig oder unsicher sein. Diese Echtheit hilft Kindern, Realität zu verstehen: Beziehungen sind nicht immer harmonisch, aber verlässlich.
Kinder brauchen keine makellose Umgebung. Sie brauchen Erwachsene, die sich auf sie einlassen.
Wenn Perfektion zum Problem wird
Perfektionistische Eltern spüren oft hohen inneren Druck: alles richtig machen, nie die Geduld verlieren, immer stimulieren. Dieser Anspruch ist auf Dauer erschöpfend.
Das Ergebnis ist selten ein ruhigeres Kind – sondern ein überforderter Elternteil. Kinder nehmen diese Anspannung wahr. Sie lernen, dass Zuwendung an Leistung geknüpft ist.
Loslassen bedeutet nicht, weniger Verantwortung zu übernehmen. Es heißt, Vertrauen zuzulassen – in das eigene Kind, in die Beziehung und in die vielen kleinen Unvollkommenheiten des Alltags.
So kann Intuition im Alltag aussehen
- Beobachten statt bewerten: Was braucht mein Kind gerade – Nähe, Ruhe, Bewegung?
- Echtheit zulassen: Wenn du gestresst bist, darfst du das benennen. Ehrliche Gefühle sind verständlicher als gespielte Ruhe.
- Pausen erlauben: Ein kurzer Moment zum Durchatmen hilft mehr als noch ein gut gemeinter Impuls.
- Wissen gezielt nutzen: Ratgeber können Orientierung geben, aber sie ersetzen nicht das eigene Spüren.
- Fehler als Lernmomente sehen: Kinder erleben, dass man sich entschuldigen, trösten und weitermachen kann.
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Warum Kinder von „gut genug“ profitieren
Wenn Eltern nicht alles perfekt machen, entsteht Freiraum. Kinder dürfen selbstwirksam werden: Sie probieren aus, erleben kleine Frustrationen, finden Lösungen.
Ein Elternteil, das gelassen reagiert, vermittelt Sicherheit: „Auch wenn nicht alles glattläuft, bist du sicher.“
So entsteht Resilienz – die Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen. Perfektion dagegen verhindert diese Erfahrung.
Fazit
Perfektion ist ein Ideal, kein Ziel. Eltern, die auf ihre Intuition hören, handeln oft richtiger, als sie denken. Wer sich erlaubt, unvollkommen zu sein, öffnet Raum für Nähe, Leichtigkeit und Vertrauen – die Dinge, die Kinder wirklich wachsen lassen.
Häufige Fragen von Eltern
Wie finde ich meine Intuition wieder?
Nimm dir Zeit, dein Kind zu beobachten, ohne sofort zu reagieren. Vertrauen wächst mit Erfahrung und nicht mit Kontrolle. Warum es bereichernd ist, sein Kind einfach mal nur zu beobachten, liest du in diesem Blogbeitrag.
Wie erkenne ich, ob mein Anspruch zu hoch ist?
Wenn du ständig erschöpft oder unzufrieden bist, kann das ein Zeichen sein. Überlege, was du loslassen könntest, ohne dein Kind zu vernachlässigen.
Ist „gut genug“ nicht zu wenig?
Nein. „Gut genug“ bedeutet, dass die wichtigsten Bedürfnisse erfüllt sind. Kinder brauchen keine Perfektion, sie brauchen Präsenz und Verlässlichkeit.
Wie gehe ich mit widersprüchlichen Ratschlägen um?
Hör dir an, was andere sagen, und prüfe, ob es zu deinem Kind passt. Niemand kennt euer Zusammenleben besser als du.