Autonomiephase: Warum Wutanfälle wichtig sind

Autonomiephase: Warum Wutanfälle wichtig sind

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Im Englischen heißen sie Terrible Twos, bei uns sind sie als Trotzphase bekannt – bei mo:mo nennen wir sie lieber Autonomiephase. Denn das, was nach Widerstand aussieht, ist in Wahrheit ein Entwicklungsschritt: Dein Kind entdeckt den eigenen Willen.

Etwa ab 18 Monaten beginnen viele Kinder, Dinge selbst tun zu wollen: sich anziehen, entscheiden, was sie essen oder wohin sie gehen. Wenn das nicht klappt, ist Frust vorprogrammiert. Wutanfälle, Tränen oder Schreien sind in dieser Phase ganz normal und sogar wichtig. Sie zeigen, dass dein Kind beginnt, Ich-Gefühl und Selbstständigkeit zu entwickeln.

Das Gehirn lernt, Gefühle zu sortieren

Hinter der Autonomiephase steckt kein „schwieriges Verhalten“, sondern Biologie. Der präfrontale Cortex – also der Teil des Gehirns, der Impulse steuert und Emotionen reguliert – ist bei Kleinkindern noch nicht ausgereift.

Kommt es zu einem Konflikt oder einer Überforderung, schaltet sich zuerst die Amygdala ein, das Alarmsystem im Gehirn. Sie setzt Stresshormone frei, Herzschlag und Atmung steigen, und das Kind reagiert instinktiv: schreien, treten, weinen. Erst deutlich später greift der präfrontale Cortex ein und versucht, die Situation zu regulieren.

Kurz gesagt: Der Körper ist schon in Alarmbereitschaft, bevor das Denken dazukommt.

Warum Wut und Frust wichtig sind

Kinder müssen erst lernen, ihre Gefühle zu erkennen, zu benennen und zu regulieren. Das geschieht nicht über Erklärungen, sondern durch wiederholte Erfahrungen und die Reaktion ihrer Bezugspersonen.

Ein Kind, das wütend sein darf und dabei begleitet wird, lernt: Ich darf fühlen. Meine Gefühle sind in Ordnung. Und sie gehen vorbei.

Wenn Erwachsene diese Prozesse feinfühlig begleiten, entsteht emotionale Sicherheit. Das ist die Basis für Resilienz, also die Fähigkeit, mit Stress und Herausforderungen umzugehen.

Darum sind Wutanfälle keine Erziehungsfehler, sondern Lerngelegenheiten.

Wie du Konflikte mit Worten gut begleiten und deeskalieren kannst, liest du in diesem Blogbeitrag.

Begleiten statt bewerten

Während eines Wutanfalls kann ein Kind nicht vernünftig kommunizieren. Logische Erklärungen oder Sätze wie „Das ist doch nicht schlimm“ erreichen es in diesem Moment nicht. Besser ist es, einfach da zu sein, ruhig zu bleiben und Sicherheit zu vermitteln.

Wichtig ist auch, dass Kinder spüren: Gefühle dürfen da sein – Handlungen haben aber Grenzen. Wut ja, Schlagen nein.

Wenn sich die Situation beruhigt hat, können Eltern gemeinsam darüber sprechen, was passiert ist. Auf diese Weise lernt das Kind Schritt für Schritt, eigene Gefühle einzuordnen.

In der mo:mo-App findest du viele Impulse, wie du solche Momente im Alltag begleiten kannst: mit Sprache, Berührung und kleinen Routinen, die helfen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Die Autonomiephase als Entwicklungschance

Wutanfälle, Frust oder Rückzug sind Teil des Lernens. Dein Kind testet seine Grenzen, probiert aus, wie weit es gehen kann – und wie sich Selbstbestimmung anfühlt.

Diese Erfahrungen sind wichtig, um Selbstvertrauen aufzubauen und innere Stärke zu entwickeln. Kinder, die erleben, dass ihre Gefühle wahrgenommen werden, lernen, sich später auch in andere hineinzuversetzen.

In unserem Blogbeitrag mit Psychologin Ceren Palik findest du weitere Hintergründe dazu, warum diese Phase so entscheidend für emotionale Entwicklung und Bindung ist.

Tipps für Eltern

  • Bleib ruhig, auch wenn dein Kind laut wird. Deine Gelassenheit hilft beim Runterkommen.
  • Nimm Gefühle ernst. Sag, was du beobachtest: „Du bist wütend, weil ich Nein gesagt habe.“
  • Biete Nähe an, aber zwing sie nicht auf. Manchmal hilft Abstand, manchmal eine Umarmung.
  • Sprich später darüber, nicht mitten im Wutanfall. Erst wenn Ruhe einkehrt, kann das Kind zuhören.
  • Schaffe vorhersehbare Abläufe: Routinen geben Sicherheit und helfen, Emotionen zu regulieren.
  • Nutze kleine Rituale der Berührung, etwa sanftes Streicheln mit dem konnektor, um Entspannung zu fördern, bevor eine Situation eskaliert.

FAQ zur Autonomiephase

Wann beginnt die Autonomiephase?
Meist zeigt sie sich zwischen dem 18. und 24. Monat. Der genaue Zeitpunkt variiert von Kind zu Kind. Manche starten früher, andere später, das ist völlig normal.

Wie lange dauert die Autonomiephase?
In der Regel begleitet sie Kinder bis etwa zum 3. oder 4. Geburtstag. In abgeschwächter Form kann sie aber auch später noch auftreten, wenn neue Entwicklungsschritte anstehen.

Warum bekommt mein Kind plötzlich so oft Wutanfälle?
Wutanfälle entstehen, wenn Kinder überfordert sind – emotional, körperlich oder sprachlich. Sie wissen oft noch nicht, wie sie Frust ausdrücken oder regulieren können.

Wie kann ich mein Kind bei einem Wutanfall beruhigen?
Bleib ruhig, biete Nähe an und vermeide lange Erklärungen. Sag stattdessen in einfachen Worten, dass du da bist. Wenn die Wut abklingt, kannst du gemeinsam über das Geschehene sprechen.

Sollte man Wutanfälle ignorieren?
Nein. Auch wenn Kinder sich aufregen, brauchen sie das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. Ignorieren kann Unsicherheit verstärken. Besser ist: da sein, ruhig bleiben, Grenzen wahren.

Wie kann ich mein Kind unterstützen, Gefühle besser zu verstehen?
Sprich über Emotionen, über deine und die deines Kindes. Benenne Gefühle und zeig, dass alle Gefühle erlaubt sind. Kleine Rituale, zum Beispiel Berührungen mit dem konnektor, helfen zusätzlich, Stress abzubauen und Nähe zu spüren.

Fazit

Die Autonomiephase ist kein Trotz, sondern ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Sie zeigt, dass dein Kind sich entwickelt, seinen Willen entdeckt und lernt, mit Emotionen umzugehen.

Eltern, die diesen Prozess verstehen und begleiten, legen den Grundstein für emotionale Stabilität und Vertrauen. Wut und Frust gehören dazu: Sie sind Ausdruck von Wachstum.

In der mo:mo-App findest du viele Ideen, wie du diese Phase im Alltag begleiten kannst – feinfühlig, alltagsnah und kindgerecht.